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Briefe an das Leben

Liebes Leben,

hier bin ich wieder an meinem Schreibtisch. Draußen sind es 5,9° C. Normaler Weise beschreibe ich wie der Himmel aussieht, aber jetzt ist es schon so dunkel, dass sich unser Wohnzimmer in der Fensterscheibe spiegelt. In der Wohnung der Nachbarn schräg gegenüber läuft eine Comic-Sendung. Der Fernseher ist so groß, dass ich bequem mitschauen könnte, würde ich mir einen Stuhl auf den Balkon stellen. Unter mir vibriert der Boden, weil irgendwo im Haus eine Waschmaschine schleudert. Draußen am Balkongeländer hängt noch die Weihnachtsbeleuchtung. Wir machen sie erst Ende Februar ab, weil uns die Lichter über die dunkle, graue Zeit hinwegtrösten. Thomas ist in der Küche. Er spült Gläser und denkt darüber nach, was er für die nächste Woche auf den Speiseplan setzen könnte ...

 

Seit vierzehn Jahren beginne ich so meinen Tag. Ich stehe auf, koche mir eine Tasse Kaffee, ziehe mir Socken an und schreibe einen Brief an das Leben.

 

Über die Idee einer stillen Stunde, einer Zeit einfach nur für sich selbst, war ich schon vor vielen Jahren durch meine intensive Beschäftigung mit Zeitmanagement und Work-Life-Balance gestolpert, bekam das aber nie so richtig umgesetzt. Erst durch das Buch der Kreativitätstrainerin Julia Cameron (Der Weg des Künstlers), bin ich auf die Morgenseiten gestoßen, wie sie selbst diese Technik nennt.

 

Ich schreibe an das Leben, weil das für mich das Ergebnis einer langen Suche nach meiner spirituellen Ausrichtung ist. Ich stehe ja hier, auf dem Boden meiner Tatsachen, genau zwischen oben und unten, und wer weiß schon, wo das Göttliche sitzt? Im Himmel habe ich es jedenfalls nicht gefunden, obwohl ich so intensiv danach gesucht habe, dass ich schließlich mit dem Kopf in den Wolken steckte. Und immer wieder (geistig) durch die (innere) Hölle zu gehen? Manche brauchen ein Leben in Dramen, um sich lebendig zu fühlen. Ich habe - auch inspiriert von der buddhistischen Philosophie - eine andere, eine tiefe und ruhige Lebendigkeit in mir entdeckt. Eine Lebendigkeit, die ganz eng mit der Zufriedenheit verwandt ist. Und sich immer auf den Moment und vom Herzenshorizont her auf den Tag bezieht.

Dass ich an etwas glaube, das größer und mächtiger ist, über mich selbst hinausreicht, tut mir sehr gut. Es schützt vor Eitelkeit und heilt über die Zeit auch die größte Egozentrik (sich für alles verantwortlich zu fühlen, ist übrigens auch eine Form davon). Es hilft mit Ängsten besser fertigzuwerden - alten und solchen die von vorne kommen. Es öffnet den Blick für die kleinen Wunder, die so zahlreich und vielfältig sind, dass die Ewigkeit nicht ausreichen würde, sie alle zu bestaunen und zu würdigen.

Abzulassen von der vorherrschenden Wissenschaftsgläubigkeit erfordert allerdings auch viel Mut; es gilt auszuhalten, als naiv belächelt zu werden. Dabei ist es nicht so, dass ich etwas gegen die rationale Vernunft oder die Wissenschaften hätte. Sie haben ihren Platz im großen Ganzen, neben dem Mitgefühl, dem Tun, der Kreativität ...

 

Meine Briefe an das Leben sind keine literarischen Ergüsse. Ganz im Gegenteil. Sie sind vollkommen irdisch und menschlich und natürlich für niemandes Augen bestimmt. Dem Leben kann ich, wie einer ganz engen und guten Freundin, alles sagen. Kann mir alles von der Seele schreiben. Kann jammern und bitten, wüten und wünschen. Und das habe ich in den über fünftausend Stunden auch ausgiebig getan. Doch interessanter Weise wurde es im Laufe der Zeit weniger. Immer öfter spülte der morgendliche Schreibfluss Ideen an. Eine Szene für das aktuelle Buch. Das Thema für das nächste, eine Figur für das übernächste. Manchmal kommt der zündende Einfall für ein Geschenk oder eine alltägliche Entscheidung, die ich zu treffen habe, erst später. Doch ich hatte schon oft das Gefühl, dass er vielleicht gar nicht zu mir durchgedrungen wäre, wenn ich morgens nicht "meinen Kanal geputzt" hätte. Und irgendwann - das habe ich von anderen auch gehört, die meditativ schreiben - kippt die Waage und den größten Raum nimmt die Dankbarkeit ein.

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