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Warum sprichst Du so komisch?

„Das macht man nicht. Es ist geschmacklos!?“, verkündet die junge Kollegin und hebt den Blick. Ein kleines Fragezeichen steht in ihren schönen Augen und es schwingt auch in ihrer Stimme mit, so dass die selbstbewusste Aussage am Ende fast wie eine Frage klingt.

„Ich glaube, ich würde das auch nicht machen“, sage ich. „Es würde meinem Bedürfnis, meine Privatsphäre zu schützen, zuwiderlaufen.“

Warum sprichst Du eigentlich immer so komisch? Sie sagt es nicht laut. Und doch klingt dieser Satz so klar in mir, als sie mich irritiert ansieht. Es ist nicht das erste Mal, das mir das passiert.

 

Vor einigen Jahren fiel mir das Buch Gewaltfreie Kommunikation von Marshall B. Rosenberg in die Hand; es zu lesen war wie eine Offenbarung für mich. Mir liefen Tränen über die Wangen, als ich begriff, warum mich die übliche Art, mit meinen Mitmenschen zu sprechen, seit ich denken kann überfordert, irritiert oder mit einem unangenehmen Gefühl zurückgelassen hat. Denn meist geht es um Urteile und Bewertungen. Im Fokus stehen andere, nicht die am Gespräch Beteiligten selbst. Es geht nicht um Empfindungen, Ideen oder die individuellen Bedürfnisse – in denen der Schlüssel zu so vielem liegt -, sondern um moralische Fragen, die allgemeine Lage, Fehler der Verantwortlichen, Missstände, etc. Es wird festgestellt, was gut oder schlecht läuft. Richtig oder falsch ist. Dabei liegt der Ort, wo wir uns begegnen können – wie der persische Dichter Rumi schon im 13. Jahrhundert festgehalten hat – jenseits dieser Polaritäten.

 

In meiner Vorstellung gibt es zwei Türen, die in die Welt der Gewaltfreien Kommunikation hineinführen, darauf stehen Empathie und Toleranz. Wenn beide Gesprächspartner diese Türen durchschritten haben, finden sie sich an einem Ort, an dem Gespräche blühen und Beziehungen Früchte tragen können, wie in einem liebevoll gehegten Garten. Hier treffen sich Menschen, die nicht darauf aus sind, andere auf ihre Seite zu ziehen. Und die verstanden haben, dass es das große "ES" genauso wenig gibt, wie den kleinen "man". (Aus "man muss arbeiten" ist bei mir "es ist mir ein zentrales Bedürfnis, meine Existanz zu sichern" geworden.)

 

Die praktische Umsetzung der Gewaltfreien Kommunikation im Alltag ist allerdings eine Übung im ganz Kleinen, dort wo die schönsten Wunder möglich sind, aber auch der größte Mut gefordert ist. Small Talk gibt es nicht mehr. Ich habe den Ausdruck nie gemocht, vielleicht weil ich jede Begegnung als viel zu einzigartig und kostbar empfinde, um sie so unachtsam abzutun. Kleine Gespräche, leichte Konversation. Ich lasse mich darauf genauso ein, wie auf ein Treffen mit Freunden, auch wenn die Themen natürlich andere sind.

 

Zuweilen kostet es mich viel Kraft, die urteilende und bewertende Sprache um mich herum innerlich zu übersetzen oder mir Fragen auszudenken, die eine lebendige und authentische Unterhaltung in Schwung bringen könnten. Doch wie klein und zart das Pflänzchen noch ist, das ich da hege, hat mir ein Besuch bei meiner Schwiegermutter kürzlich gezeigt. Sie hat ihren 83. Geburtstag gefeiert. Wir sitzen am Frühstückstisch als sie konstatiert: „Erdbeeren und Himbeeren sind die aromatischsten Früchte!“

Ich frage: „Magst Du Himbeeren und Erdbeeren am Liebsten.“

„Nein!“, gibt sie vehement zurück. „Ich meinte das ganz allgemein!“

 

Früher hätte mich das wütend gemacht. Warum? Weil mir die Wahrnehmung und Wertschätzung der Vielfalt, die das Leben uns bietet, wichtig ist. Heute kenne ich dieses Bedürfnis und kann es mit dem, mich kreativ auszudrücken wunderbar verbinden:

(c) Anne Riebel
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