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Wir leben noch

Es ist Feiertag und wir sind völlig erschöpft. Trotz der kurzen Woche. Obwohl wir nur zwei, drei Tage versetzt ins Büro fahren. Warum strengt einen die Stimmung, diese Atmosphäre da draußen so an? Es ist nicht diese gesunde Müdigkeit, die mich oft abends überfällt, in der auch die Zufriedenheit mit drinsteckt, mein Tagwerk geschafft zu haben.

Es ist eine emotionale, mentale Müdigkeit, eine seelische Erschöpfung und es gibt eigentlich nichts, worauf ich zurückgreifen könnte, in den bunten Regalreihen meiner Erfahrungen und Erinnerungen. Oder doch?! Es ist nur schon eine Weile her, dass ich zuletzt an einer teilgenommen habe, deshalb ist es mir nicht gleich einfallen. Ja, es fühlt sich an, wie nach einer Beerdigung!

 

Dabei sind wir doch nach wie vor am Leben. Wir waschen die Wäsche und kochen unsere Kartoffeln. Wir arbeiten. Führen hier wie immer, im Rahmen der nun etwas eingeschränkteren Möglichkeiten unsere Lebens-Kampf-Kunst fort. Ich spüre mein Herz in meiner Brust pochen. Den Atem in meine Lungen ein- und ausströmen. Und wie schön es ist, das frei und in aller Tiefe tun zu können, wird mir umso bewusster, wenn ich die Maske gleich nach dem Aussteigen aus der Bahn abnehmen kann.

 

Dass manch einer, den es jetzt existenziell hart getroffen hat, traurig oder geknickt ist; dass diejenigen, die jetzt besonders viel zu tun haben, unter der Last der zusätzlichen Arbeit und Verantwortung ächzen und stöhnen, kann ich sehr gut nachfühlen und verstehen. Doch diese vorauseilende Pietät?

Diese Todernsthaftigkeit, als hätte diese neue Art von Grippe längst schon alle dahingerafft?! Natürlich haben wir Angst. Wenn ich mich einer Angst aber bedingungslos ausliefere, lebe ich so, als wäre das, was ich fürchte, bereits eingetroffen.

Oder hat es eine Verordnung gegeben, die jedes Lächeln, jeden freundlichen Blick oder den Versuch, ein kleines Gespräch zu beginnen mit einem Bußgeld belegt?!

 

"Wir stecken halt nicht drin", höre ich die Alten aus den Dörfern meiner Kindheit sagen, während ich zusehe, wie die einen immer vehementer an ihrer Hybris, alles im Griff haben zu können, festhalten. Die anderen, vielleicht weil sie die Illusion allmählich durchschauen, in einer Art von beleidigtem Trotz versinken. Und ich mühe mich, etwas auszudrücken, was Agatha Christie in ihrer Autobiographie vor mehr als fünfzig Jahren aufs Allertrefflichste formuliert hat: "Ich habe das Leben immer spannend gefunden. Teil zu sein von etwas, das man überhaupt nicht versteht, ist, so meine ich einer der faszinierendsten Aspekte des Lebens. Ich lebe gern. Ich bin manchmal völlig verzweifelt, fürchterlich unglücklich und von Leid gequält gewesen, aber ich habe dennoch immer das sichere Gefühl gehabt, dass schon allein am Leben zu sein eine großartige Sache ist."

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